Joshwagenbach : Verhaltenspsychologie, Gewohnheitsbildung und Leistungsverbesserung

Warum wir nicht glauben, was uns nicht passt

Der Mensch als solcher ist keineswegs offen für Argumente. Im Gegenteil, wir halten an lieb gewonnenen Überzeugungen fest – oft gegen jede Vernunft.

 

Vor wenigen Tagen, hatte ich die Gelegenheit, als einer der ersten Al Gore und seinen neuen Film „Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft“ zu sehen. Was mich am Ende viel mehr überrascht hatte ist die Tatsache, dass der Hashtag #unserezeitlauft häufiger missbräuchlich genutzt wurde. Der Klimawandel findet statt, doch die Wahrheit wird verleugnet. Doch warum ist das so?

 

Als der US-Senat im Februar 2017 den konservativen Politiker Scott Pruitt als neuen Chef der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA bestätigte, löste das bei vielen hier bei uns im „alten Europa“ – wieder einmal – nur Kopfschütteln aus: Pruitt hatte mehrfach abgestritten, dass menschliches Verhalten den Klimawandel beeinflusst. Dabei können sich, was die Leugnung wissenschaftlicher Fakten angeht, die Europäer an die eigene Nase fassen. Die Skepsis gegen Schutzimpfungen für Kleinkinder etwa ist einer Umfrage aus dem Jahr 2015 zufolge in Deutschland nur marginal geringer als in den USA. Länder wie Frankreich oder Italien zählen sogar weltweit zu den impfkritischsten – ganz im Gegenteil etwa zu Entwicklungsländern wie Ecuador, Ghana oder Bangladesch.

Die Frage die ich mir stelle ist, warum Menschen an Überzeugungen so festhalten. Auch wenn dise auf wissenschaftlichem Konsens falsch sind. Wieso tun wir uns so schwer damit, Tatsachen in unser Weltbild zu integrieren die wir nicht gut finden. Warum halten wir so an alten Weltbildern fest, wenn es Zeit ist die Augen zu öffnen und sich vor neuem nicht mehr zu verschließen. Warum glauben wir Fake News, selbst wenn diese mehrfach als falsch gekennzeichnet wurden. Nur weil sie unsere politische Einstellung stützen?
Unsere Einstellungen sind ein Teil unserer Identität. Haben wir zum Beispiel eine starke Meinung gegenüber dem Klimawandel und dieser relevant für unser Selbstbild ist. So werden wir unsere Meinung hierzu nur sehr schwierig ändern. Einen weiteren Faktor spielen hier soziale Medien, durch den Einfluss von Freunden in unserem Umfeld oder online werden unsere Meinungen verstärkt. Unabhängig davon ob Sie wahr oder falsch sind.

Unerwünschte Informationen vermeiden

So weit lassen wir es meist gar nicht kommen: Wie eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien belegt, suchen wir von vornherein eher solche Informationen, die unseren Einstellungen entsprechen. So vermeiden wir innere Konflikte die für Anstrengung und Stress bedeuten.Hier treiben wir es sogar soweit das Journalisten oder die Medien prinzipiell verzerrt berichten. Sie sind von Konzernen bezahlt oder möchten den Menschen täuschen. Was wir heute als „Lügenpresse“ kennen spielte schon immer einer Rolle. Nur nicht in diesem Ausmaß. So haben wir in kleinen Runden immer schon versucht unsere ideologischen Ansätze zu vertreten und Anhänger zu finden. Wenn wir eine gewisse Ansicht haben und uns jemand über etwas berichtet, das mit unserer nicht übereinstimmt, so sprechen wir von verzerrten oder nicht korrekten Nachrichten.Grund für die Verrenkungen, die unser Gehirn dabei unternimmt, ist das so genannte Konsistenzmotiv, welches Besagt: „Wir haben das Bedürfnis, dass unser Wissen widerspruchsfrei ist. Alles andere würde ja logisch keinen Sinn ergeben.“ Stehen unsere Einstellung und eine nicht dazu passende Information nebeneinander, sprechen Wissenschaftler von kognitiver Dissonanz. Um diesen unangenehmen Spannungszustand aufzulösen, müssen wir an manchen Stellen Informationen abwehren. Am einfachsten sei das, wenn man Fakten rundheraus für falsch erklären kann. Ist das nicht möglich, können wir auch das Gewicht der Information kleinreden. „Überzeugte VW-Fans etwa sagen sich dann: Okay, beim Schadstoffausstoß wurde getrickst, aber das ist ja nicht der Grund, warum ich diese Marke fahre“.

Wir merken uns falsche Informationen

Einen ebenfalls subtilen Effekt, bei dem Argumente über die Zeit hinweg die genau gegenteilige Wirkung entfalten, hat Ryan Holiday (Author von Trust me I am Lying) selbst untersucht. „Oft gibt es ja solche Mythen- oder Faktenchecks in der Presse“, erklärt er. Dabei werde häufig die falsche Information noch einmal wiederholt, à la: „Was ist dran am Mythos ‚Impfen verursacht Autismus?'“ Wenn Menschen das flüchtig lesen, bleibt oft nur die fehlerhafte Aussage hängen – nicht aber die Tatsache, dass diese eigentlich korrigiert wurde. Aus Sicht desjenigen, der die falsche Information richtigstellen wollte, geht der Schuss also nach hinten los, daher spricht man auch von einem „backfire effect“. Zu ihm trägt bei, dass wir Fakten zuallererst in Kategorien wie „Das hab ich schon mal gehört“ oder „Das ist mir vollkommen neu“ einsortieren und dass wir prägnante Aussagen besser behalten als Kontextinformationen. „Eine Fehlinformation ist oft kurz und knackig, die Wahrheit dagegen eher dröge und kompliziert“.



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